Die Hrustovačka Höhle - Eine unerschlossene Tropfsteinhöhle in Bosnien-Herzegowina

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Ein Artikel von Jörg Heeskens und Michell Rohmann aus "Der Höhlenforscher - Zeitschrift für Freunde der Speläologie" Heft 2 (2007):

Eine unerschlossene Tropfsteinhöhle in Bosnien-Herzegowina

Über Bosnien-Herzegowina und seine zahlreichen Höhlen ist medial in den letzten Jahren intensiv berichtet worden. Leider handelte es sich dabei nicht um speläologische Berichte über die Einzigartigkeit der zahlreichen bosnischen Karsthöhlen, sondern um Berichte über entdeckte Massengräber und aufgefundene Waffenlager aus dem Bosnienkrieg in den 1990er Jahren. Auch wenn Bosnien-Herzegowina 13 Jahren nach Beendigung der Kampfhandlungen noch immer stark unter den ökonomischen und sozialen Folgen des Krieges leidet, so stabilisiert sich die politische Situation doch zusehends und gesellschaftlich ist das Land heute so gefestigt, dass es ohne Gefahren bereist und besucht werden kann. Trotzdem bringen die meisten Menschen Bosnien-Herzegowina auch heute noch eher mit Krieg, Flucht und unbefriedigender Sicherheitslage, als mit einem anspruchsvollen Reiseland voll unberührter Wälder und Täler, sowie glasklaren Flüssen und Seen in Verbindung. Vom westeuropäischen Massentouristen wird das geografisch so nah liegende und einst sehr geschätzte Land aus diesen Gründen gemieden. Diese Tatsache, gepaart mit kriegsbedingter Deindustrialisierung, Auswanderung und Demontage verkehrstechnischer Infrastruktur, hat sich für Flora und Fauna jedoch als großer Segen erwiesen und Bosnien-Herzegowina kann heute, ohne sich der Floskeln der Tourismusindustrie bedienen zu wollen, als schlafendes landschaftliches Juwel für Naturliebhaber direkt vor unserer Haustür betrachtet werden. Besonders der von der imposanten Charakteristika der drei Flüsse Vrbas, Sana und Una geprägte Nordwesten Bosnien-Herzegowinas, der sich über das Dreieck der Städte Banja Luka, Jajce und Bihać an der Grenze zu Kroatien erstreckt, verfügt neben seinen, für das Land typischen, tiefen Schluchten und waldbedeckten Bergen über eine Reihe großer, nahezu unerforschter Karsthöhlen. Die wohl aus Sicht eines Speläologen interessanteste Höhle der Region ist die Hrustovačka Höhle. Sie liegt etwa auf halber Strecke zwischen den Städten Ključ und Sanski Most, nahe dem Dorf Hrustovo, dem Namensgeber der Höhle. Das relativ große Eingangstor der Höhle befindet sich in einem etwas erhöht liegenden kleinen Waldstück hinter dem Dorfausgang. Bereits kurz nach dem Eingangstor in die Hrustovačka Höhle sind zahlreiche jahrtausende alte Stalagmiten und Stalaktitenformationen zu bewundern, die denen berühmterer und touristisch erschlossener Höhlen auf dem Gebiet Ex-Jugoslawiens in nichts nachstehen. Nach etwa 400 Metern teilt sich die Höhle in zwei große Arme auf. Die Ausdehnung des rechten, wahrscheinlich älteren Armes ist gewaltig. Die Höhlendecke erhebt sich an nicht wenigen Stellen fünf oder sogar zehn Meter über die Köpfe der Besucher. Dafür ist dieser Arm aber relativ kurz. Nach circa 800 Metern fand bisher jede Exkursion, in einem langgestreckten hohen Saal, scheinbar ohne weitere Ausgänge, ihr Ende. Die horizontale Ausdehnung des linken Armes der Höhle ist hingegen viel begrenzter. Auch Stalagmiten- und Stalaktitenformationen sind in diesem Teil der Höhle sehr viel seltener anzutreffen. Während der rechte Arm problemlos und bis auf eine kurze Engstelle, ohne körperliche Anstrengung erkundet werden kann, müssen im linken zahlreiche Wasserstellen überwunden, Felsbrocken überstiegen und Engstellen durchschlüpft werden. Schenkt man Aussagen von Einheimischen glauben, so ist es bisher noch niemandem gelungen ein Ende der Höhle oder aber einen weiteren Höhlenausgang zu finden.

Nach etwa zweieinhalb Stunden ist ein erster Höhlensee und nach vier Stunden ein Zweiter zu erreichen. Sehr viel weiter wagten sich bisher nur die Legenden. Eine dieser Legenden besagt aber, dass sich während des ersten Weltkrieges zwei flüchtige Bauern ihren Weg durch die Höhle bis nach Jajce bahnten. Jajce ist auf dem Straßenweg ca. 70 km vom bekannten Höhleneingang entfernt. Ob diese Legende ein Bauernmärchen oder aber vielleicht der Wahrheit entspricht konnte bisher kein Forscherteam herausfinden. Bisher gibt es nur sehr dürftige "wissenschaftliche" Informationen und Fakten über die Höhle. Auch die zuständigen bosnischen Ministerien und universitären Forschungsstellen scheinen keine detaillierten Informationen über die Höhle zu besitzen. Eine von Schweizer Höhlenexperten initiierte Exkursion kam laut Einheimischen zu dem Ergebnis, dass die Höhlenluft absolut ungefährlich für Menschen ist und hat einen kontinuierlichen Luftstrom in der Höhle festgestellt. Diese Luftbewegung ist in engeren Höhlenpassagen auch tatsächlich spürbar und legt die Schlussfolgerung nahe, dass es einen weiteren Eingang in die Höhle geben muss. Selbst haben wir die Höhle mehrere Male besucht. Bisher konnten wir allerdings nur bis zu einer Tiefe die nach ungefähr drei Stunden erreichbar ist, vordringen. Diese Tatsache verschuldet aber lediglich unsere amateurhafte Ausrüstung und der Fakt, dass wir selbst keine erfahrenen Speläologen sind und nicht die Höhle selbst. Fußabdrücke verdeutlichten aber, dass wir am (vorläufigen) Endpunkt unserer Expedition nicht die Ersten waren.

Die landschaftliche Schönheit Bosnien-Herzegowinas und auch das Verlangen, die Hrustovačka Höhle tiefer und professioneller zu erkunden wird uns weiterhin in die Region ziehen. Die beeindruckenden Naturereignisse des Landes auch Menschen außerhalb Bosnien-Herzegowinas zugänglich zu machen ist angesichts der internationalen Berichterstattung über das Land zwar nicht gerade einfach, aber jeder einzelne ökologisch orientierte Natur- und Höhlenfreund trägt einen kleinen Teil dazu bei, dass sanfter Natur- und Wandertourismus den Bosniern langfristig eine wirtschaftliche Perspektive bietet und dadurch Natur-, Pflanzen- und Höhlenschutz in Bosnien-Herzegowina einen höheren Stellenwert bekommen.